Ein Mann des Volkes

Paul Hümmer

02. Januar 2026

Er war ein Mann des Volkes ERINNERUNGEN Am21.Dezember 1925 kam in Schmachtenberg ein Bub auf die Welt, der später bekannt sein würde wie der sprichwörtliche bunte Hund. Heiner Schneier könnte heuer den 100. Geburtstag feiern. VON LUDWIG LEISENTRITT Zeil Als am 21. Dezember 1925 im Hause von Leonhard und Barbara Schneier in Schmachtenberg ein kleines Menschen Kind zur Welt kam, wird am selben Tag im Bolschoi-Theater in Moskau der berühmte Film von Sergej Eisenstein „Panzerkreuzer Potemkin“ uraufgeführt. Man könnte fast meinen, dass dieses Ereignis Einfluss darauf hatte, dass der kleine Heiner später einmal zur Marine ging und sehnlichst wünschte, auf dem legendären Panzerkreuzer Tirpitz zu kommen. Der liebe Gott schien jedoch über den Heiner seine schützende Hand gehalten zu haben. So hat er es nicht zu gelassen, dass er auf das größte jemals in Europa gebaute Schlachtschiff Tirpitz kommt. Es ist nämlich 1944 von den Engländern zerstört worden. 1200 Besatzzungsmitglieder kamen ums Leben.

Die Schnelligkeit und die Rastlosigkeit, die Heiner Schneier zu eigen waren, begannen schon am ersten Tag seines Lebens und wurden ihm wohl in die Wiege gelegt. Er kam früh zur Welt und am Mittag nahm bereits der Kaplan im Haus die Taufe vor. Er hat sich große Verdienste erworben Schneier wurde zu einer weit über die Grenzen Zeils und des Landkreises hinaus anerkannten Persönlichkeit, die sich als Mitarbeiter zweier Heimatzeitungen und später als Landes- und Kommunalpolitiker große Verdienste erworben hat. Von der SPD erfuhr er während des Krieges erstmals von einem Matrosen aus Berlin. Der erzählte ihm von geheimen Zusammenkünften während des Dritten Reiches. Weil die Partei verboten war, habe die Gruppe des Seemanns unter dem Tarn- begriff: „Sattler, Polsterer und Dekorateure“ firmiert. Nach seiner Entlassung trat der Schmachtenberger Landwirtssohn 1946 der Partei bei und gehörte ihr 76 Jahre an. Spitzenergebnisse bei Wahlen eingefahren Bei 19 Wahlen zum Kreistag, Landtag, Bundestag und zum Zeiler Stadtrat hat er immer Spitzenergebnisse eingefahren und bei Kommunalwahlen war er ein „Häufelkönig“. Unionswähler bekannten, was für ein guter Mensch der Heiner ist. Allerdings kam oft die Einschrän kung: Er ist halt bei der falschen Partei. Schneier ist 1970 vom späteren Focus- Herausgeber Helmut Markwort als flei ßigster Abgeordneter im Landtag be zeichnet worden. Er hat sich immer wie- der quergelegt und nicht nur hoheitsvolle Ministerialbeamte daran erinnert, wessen Diener sie sind. Wenn es sein musste, scheuchte er sogar den Landtagspräsidenten aus seiner „vizeköniglichen Om- nipotenz“, wie eine Zeitung schrieb. Sein ungewöhnlich sprachliches Temperament nahm die Landtagspresse zum Anlass, ihn als „unterfränkisches Maschinengewehr“ zu bezeichnen. Sein rastloser Einsatz für die Bürger brachte ihm das Attribut „unterfränkisches Wiesel“ ein. Er war ein Mann des Volkes. Und weil er in seiner Sturm- und Drang- zeit durch den SPD-Unterbezirk gewirbelt ist, nannten manche ihn respektvoll den „roten Wirbelwind“. Fast alle Ehrungen und Auszeichnungen, die man bekommen kann, hat Schneier erhalten. Verdienstorden und Verdienstkreuze, Medaillen und Ehrentitel, zuletzt die Ehrenbürgerwürde durch die Stadt Zeil. Der ehemalige stellvertretende Land rat Günter Lipp erinnerte einmal an eine besondere Fähigkeit: „Der Heiner ist wohl der einzige Kreisrat in Bayern, der gleichzeitig den Spiegel lesen, Kaffee trinken, eine Anfrage stellen und die Anwesenheitsliste unterschreiben kann.“ Viele öffentlichkeitswirksame Auftritte Neben den vielen großen und kleinen Er folgen im Dienst der Bürger gab es un zählige öffentlichkeitswirksame Episoden, die überörtliche Aufmerksamkeit hervorriefen: Als im Landtag eine Verordnung über die Dasselfliege zur Abstimmung stand, hatte er sich geweigert, sich bei der Abstimmung vom Platz zu erheben. „Wegen einer Fliege stehe ich nicht auf“, beschied er respektlos dem Landtagspräsidenten. Weil sich bayerische Lehrer im Zusammenhang mit der Fernsehserie Bonanza etwas schwerfällig verhielten, kritisierte er im Landtag deren mangelnde Entscheidungsbereitschaft. Eine Heimatzeitung glossierte darauf 1969 seine Attacken so: „Ob im Steigerwald, im Haßgau oder in der Rhön, überall ist er bekannt wie ein bunter Hund. Noch zwei Bonanza-Affären und man kennt ihn auch in Amerika.“ Schneier bohrte dicke Bretter Aufsehen erregte er 1973, als er beim da- maligen „Ersten Sekretär des Zentralkomitees der SED“, Erich Honecker, er- reichte, dass er doch noch eine bereits ab- gelehnte Besuchserlaubnis nach Meinigen bekam. Vermutlich hat die Stasi et- was von der Hartnäckigkeit des Zeiler Landtagsabgeordneten gewusst, weshalb „Honi“ seinen Funktionären entsprechende Anweisungen gegeben hat. An der Errichtung des Altenheimes in Zeil war er als langjähriger Kreis- und Ortsvereinsvorsitzender der Arbeiterwohlfahrt maßgeblich beteiligt. Wie beharrlich er sein konnte, hat Schneier auch bewiesen, als er 1968 den Hallenbadver ein gegründet und gegen ziemlichen Widerstand im Stadtrat in relativ kurzer Zeit den Bau des Hallenbades durchgedrückt hat. Nach dem Soziologen Max Weber soll te ein guter Politiker die Gabe haben, dicke Bretter bohren zu können. Heiner Schneier, der vor drei Jahren im Alter von 97 Jahren verstarb, war so einer.

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