Warum es im fernen Berlin einen Zeiler Weg gibt – aber nicht im nahen Bamberg, dessen Fürstbischöfe Zeil rund 800 Jahre lang regiert und geprägt haben. Auch ein Haßfurter Weg sowie eine Steigerwaldstraße gehören zum Straßennetz unserer Bundeshauptstadt.
In Haßfurt und Zeil gibt es zwar keine Berliner Straße, doch in Berlin existieren sowohl ein Haßfurter Weg als auch ein Zeiler Weg. Bemerkenswert ist, dass der Zeiler Weg mit 480 Metern fast 200 Meter länger ist der, welcher nach unserer Kreisstadt benannt ist. Einen besonderen Anlass für die Namensgebung gab es nicht. Da es im Bezirk Pankow die Kissingenstraße als zentrale Achse bereits seit 1906 gab, griff man wohl 1930 bei der Benennung der neuen Straßen auf unterfränkische Orte zurück. So erhielten neben Haßfurt und Zeil auch Dettelbach, Gemünden, Karlstadt, Miltenberg, Obernburg, Retzbach und Zellingen in Berlin eigene Straßennamen. Das „Kissingenviertel“ galt in der Weimarer Republik als eine moderne, sozial orientierte Siedlung. Das Motto war: Licht, Luft, Sonne, begrünte Innenhöfe, Spielplätze und soziale Einrichtungen.
Die heimische Steinindustrie in Berlin Deutliche Spuren hat die Steinindustrie unserer Region in der Hauptstadt hinterlassen. Nach den Aufzeichnungen des Chronisten Kehl waren in Haßfurt über 100 Steinmetze damit beschäftigt, den harten Burgpreppacher Sandstein zu bearbeiten. Auf dem Werkplatz arbeiteten auch Steinhauer aus Zeil. Zwischen 1885 und 1912 hatte die Frankfurter Baufirma Holzmann die Steinbrüche am Eichel- und Rauhberg gepachtet. Der Rhätsandstein wurde unter anderem für den Südtrakt des Reichstagsgebäudes verwendet. Der Zeiler Stadtrat Johann Streit, der in Berlin als Steinmetz tätig war, ließ sich dafür längere Zeit beurlauben.
1936 besichtigten Behördenvertreter die Werkanlagen der Firma Vetter in Eltmann. Von hier aus wurden damals die Steine für das heutige Bundesfinanzministerium – sowie für das Olympiastadion geliefert. Als Steinmetzpolier war Konrad Werner aus Ziegelanger am Bau des Stadions beteiligt. Für einen Turmbau wurde zudem Material aus einem Zeiler Steinbruch in der Mühlleiten verwendet.
Beim Bau der Neuen Reichskanzlei waren ebenfalls Firmen und Steinhauer aus unserer Heimat beteiligt. Zur Einweihung lud Hitler 1939 insgesamt 35 Arbeiter der Ebelsbacher Firma Viktor Keller ein – darunter drei nicht bekannte Männer aus Eltmann sowie die Zeiler Steinmetze Georg Kraus, Karl Leisentritt und Josef Tully.
In neuerer Zeit entstanden weitere prestigeträchtige Bauwerke unter Verwendung heimischer Steine. Das Bekannteste ist das Bundeskanzleramt: Die Fassade wurde von der Firma Vetter aus Eltmann mit Sandsteinplatten aus einem Steinbruch in Schönbrunn verkleidet. Auch das Willy-Brandt-Haus erhielt eine Verblendung durch diese Firma.. Politiker aus unserer Region hatten sich damals für die heimische Firma eingesetzt.
Ferienkinder aus Berlin Zwischen 1956 und 1969 nahm der Landkreis Haßfurt insgesamt 541 Ferienkinder aus West-Berlin auf. Viele waren unterernährt und wurden von ihren Gastfamilien regelrecht aufgepäppelt – ein Kind fuhr mit 18 Pfund Mehrgewicht zurück. Die fränkisch-bäuerliche Kost war für viele neu. Vor allem die Mehlklöße stießen anfangs auf Ablehnung, während Kartoffelklöße gern verspeist wurden.
Erfreulicherweise gab es keinerlei Schwierigkeiten mit den zumeist evangelischen Kindern und ihren katholischen Pflegeeltern. Es gab nicht wenige, die von sich aus wünschten, den Gottesdient zu besuchen. Und wenn abends um 18 Uhr „das Gebet läutete“, befolgten sie auch die ländliche Sitte, „nach Hause“ zu gehen. Denn Kinder und Jugendliche sollten damals nicht mehr auf der Straße sein.
„Ich heirate mal nach Hainert!“ Ein Junge der in Hainert untergebracht war, verriet bei der Abreise: „Ich habe hier eine kleine Freundin gefunden. Sonja heißt sie. Die werde ich später heiraten, denn ich möchte einmal in Hainert leben.“ In Wonfurt wollte sich ein 14-jähriges Mädchen sogar ortspolizeilich anmelden, weil es nicht mehr in die „Steinwüste“ Berlin zurückkehren wollte. Arbeitspapiere konnte man ihr nicht ausstellen.
1964 gab es Pläne, in Buch ein Berliner Feriendorf zu errichten. Eine Gesellschaft wollte die Quartiere an Berliner Urlauberfamilien vermieten. Eine Urlauberin hatte sich bereits entschlossen, dauerhaft in Kleinsteinach zu leben. In den Jahren ihres „Insulaner-Daseins“ sahen viele Berliner im ruhigen Steigerwald eine Oase des Ferienglücks. 1957 kamen nach den Ferienkindern die ersten Urlaubsgäste mit dem Bus nach Tretzendorf. Am Ende der Saison waren es über 200 Urlauber aus der geteilten Stadt, die im heutigen Oberaurach Ruhe und Entspannung fanden – fern vom Brennpunkt des Kalten Krieges.
Mit Spreewasser getauft 1958 tauften Berliner Feriengäste einen in Unterschleichach aufgestellten Wegweiser nach Berlin mit Spreewasser. Das holzgeschnitzte Berliner Wappentier und die Gäste sollten sich im Steigerwald heimisch fühlen. In diesem Jahr wurde der 1000. Berliner Feriengast begrüßt. In Neuschleichach verewigte man die Namen der ersten fünf Urlauberfamilien sogar auf einer Erinnerungstafel. Doch die Urlaubsgewohnheiten und die Ansprüche änderten sich. Der hölzerne Bär fand irgendwann einen Liebhaber, der ihn als Souvenir mitnahm. Seit 1964 gibt es auf Initiative des Landtagsabgeordneten Heiner Schneier im Berliner Bezirk Spandau eine Steigerwaldstraße.
Keine Zeiler Straße in Bamberg Die Berliner vergaben 1930 die Straßennamen in Pankow ohne historischen Bezug. Normalerweise orientiert man sich bei der Vergabe derartiger Straßennamen an geschichtlichen Zusammenhängen. In Zeil gibt es seit fast 100 Jahren die Bamberger Straße – ein Hinweis auf die 800-jährige Zugehörigkeit zum Hochstift Bamberg. Die Stadt Bamberg hingegen hat bis heute einem Antrag des Autors und einer Bamberger Stadträtin aus dem Jahr 2017 noch nicht entsprochen, eine Straße nach Zeil zu benennen. Eine solche Geste wäre zur 1000-Jahrfeier oder danach angemessen gewesen. Zeil war ein bambergisches Amtsstädtchen mitten im Gebiet des Würzburger Hochstifts. Der Zeiler Dialekt klingt bis heute bambergisch und das Stadtwappen zeigt den Bamberger Hochstiftslöwen. Gemessen wurde einst nach der Bamberger Elle, die noch heute am Rathaus zu sehen ist. Der berühmte Bamberger Reiter im Dom – eines der bekanntesten Wahrzeichen der Stadt – besteht ebenso wie zahlreiche repräsentative Gebäude aus Zeiler Sandstein. Während der von Bamberg aus betriebene Hexenverfolgung, wurden rund 400 Frauen und Männer, die meisten aus Zeil sowie zahlreiche Bamberger bewusst in dem abgelegenen Amtsstädtchen gefoltert und in einem eigens errichteten Hexenofen verbrannt. Dass die Domherren einst Wein aus Zeiler Lagen bezogen, sei nur am Rande erwähnt. Für die heutigen Entscheidungsträger im Bamberger Rathaus scheinen diese historischen Verbindungen jedoch keine Rolle mehr zu spielen.
Achtung: Kissingenstraße und Kissingenviertel sind korrekt!
Anekdoten Die Luftbrücke Während der Berliner Blockade 1948/49 wurden die Westsektoren ein Jahr lang über die berühmte Luftbrücke versorgt. Aus dem damaligen Landkreis Ebern schickte man mehrere erlegte Wildschweine per Flugzeug nach Berlin. Heute leidet die Hauptstadt unter einer Wildschweinplage: 2008 wurden rund 2000 Tiere in Berlin und Umgebung geschossen, davon 491 im Stadtgebiet.
„Eeeeeelmar!“ Ein junges Ehepaar aus dem Haßgau besuchte gern Rock- und Popkonzerte und fuhr vor etwa 20 Jahren nach Berlin. Im vollbesetzten oben erwähnten Olympiastadion wollte die Frau vor Konzertbeginn noch schnell ein Dixi-Klo aufsuchen. Danach fand sie ihren Mann unter den 70.000 Besuchern nicht mehr. „Eeeeeelmar! Eeeeeelmar!“ rief sie verzweifelt. Einige Zuschauer hielten dies für einen Schlachtruf und stimmten begeistert ein. Bald skandierte das halbe Stadion „Elmar! Elmar!“. Nach fast einer Stunde fanden sich die beiden wieder. Das Konzert begann verspätet, weil der Weltstar sich weigerte, die Bühne zu betreten – schließlich hieß er nicht Elmar, sondern Robbie Williams.
Bildtexte: Bild: Zeiler Weg Vor 25 Jahren besuchten diese Zeiler den 480 Meter langen Zeiler Weg in Berlin-Pankow. Foto: Ludwig Leisentritt
Bild: Steigerwald-Straße In Berlin gibt es seit 1964 neben der Rhönstraße im Bezirk Spandau auch eine Steigerwaldstraße. Der Steigerwald war in den 50er und 60er Jahren ein beliebtes Urlaubsgebiet für die Insulaner. Foto: Ludwig Leisentritt
Bild: Berliner Bär Diesen Wegweiser nach Berlin mit dem Wappentier, taufte man 1958 in Unterschleichach mit Spreewasser. Foto: Heiner Schneier
Bild: Berliner Ferienkinder in Hainert 1956 ließ sich in Hainert Bürgermeister Weinig gerne mit Berliner Ferienkinder für die Zeitung ablichten. Foto. HT
Bild: Erde aus der Heima in Berlin In einem Innenhof des Reichstagsgebäudes ist ein großes Beet mit Erde aus jedem Wahlkreis angelegt. Eine Besuchergruppe der ehemaligen Abgeordneten Susanne Kastner, streute 2013 Sand und Erde aus den verschiedenen Orten des Haßbergkreises und der Rhön in das Atrium. Die Fläche mit der Erde bleibt unberührt, so dass hier Pflanzen aus allen Teilen Deutschlands wachsen und gedeihen können. Foto: Susanne Kastner
Bild: Stadtplan für das Kissingenviertel