Vom Paddeln und Zelten auf und neben dem Main

Ludwig Leisentritt

28. September 2026

Ludwig Leisenntritt Der Main war und ist ein beliebter Fluss für Wasserwanderer

Eine lithographische Ansichtskarte von 1895 suggeriert den Empfängern, dass man vor der Kulisse von Zeil auf den Stadtsee mit schnuckeligen Paddelbooten herumschippern könne. Der Lithograf hat wohl seine Phantasie walten lassen und das Städtchen noch ein bisschen interessanter darstellen wollen, als es ohnedies schon ist.

Realistischer sind jedoch Fotos aus den 60er Jahren, welche Kinder zeigen die mit Schlauchboot und einer Blechwanne hinter dem ehemaligen Bach-Wehr der Altach paddeln. Das schippern in der Altach fand zumeist in Wannen und manchmal in hölzernen Backtrögen statt. Der Haßfurter Chronist Kehl berichtet in seiner Chronik, dass 1911 ein neuer Sport zu Besuch nach Haßfurt kam. Acht Paddler hätten hier Station gemacht und ihre Zelte aufschlugen. Seit den 30er Jahren war das Wasserwandern auf dem Main sehr populär. vor allem fremde Paddler, die auf dem Main weite Strecken zurücklegten und bei Eltmann und Haßfurt an den Mainbadeanstalten anlegten um hier zu zelteten. Wasserwandern mit dem wurde vor allem populär durch die Erfindung des Faltbootes. Man konnte es zerlegen und mit der Bahn transportieren. Daher war der Main geradezu ideal für diese Art Sport. Im Gegensatz zu Segeln und Rudern, war das Paddeln auch für einfache Leute erschwinglich. Hinzu kam, dass entlang des Maines schon sehr frühzeitig Boot-Clubs befanden. Die Heimatzeitung berichtete 1929 von dem 23jährigen Schlosser Georg Wolfschmitt aus Stettfeld, der auf einem Paddelboot den Main abwärts bis Antwerpen schipperte. Dort stieg er auf ein Handelsschiff, das ihn als Auswanderer glücklich und gesund nach Sidney in Australien brachte.

Paddeln und Zelten

Im Jahr 1933 war das Paddeln auf dem Main äußerst rege. Vorwiegend kamen die Paddler aus Norddeutschland. Häufig berichtete die Presse vor allem von der Ankunft von Engländern. So legte in Eltmann eine große Studiengesellschaft mit Booten einen Stopp ein. Im Gasthof Hußlein ließen sie sich bewirten um dann anschließend die heimischen Gäste mit Gesangsdarbietungen zu unterhalten. Sie waren mit der Bahn nach Bamberg gefahren um dann mit den Faltbooten mainabwärts bis Frankfurt zu paddeln. Von hier aus traten sie per Eisenbahn die Heimreise nach England an. Eine andere Gruppe steuerte Haßfurt an. Im Freien, unterhalb der Mainaussicht schlugen sie für die Nacht ihre Zelte auf. In einem Bericht heißt es: „Ein reger Paddelbootverkehr herrscht zurzeit bei dem sonnigen Wetter auf dem Main. Boot an Boot zieht mit den braungebrannten Paddlerinnen und Paddlern dem Main abwärts und es zeigt sich, dass sich der Paddelbootsport Jahr für Jahr steigender Beliebtheit erfreut. 1934 erhielten die Orte am Main vom Gebietsausschuss Mainfranken eine Information über die erfreuliche Verbreitung und die mögliche Förderung des Paddelsports. Eine illustre englische Studiengesellschaft aus Männern und Frauen zelteten 1935 in Eltmann. Auch sie erfreuten beim Abendessen die Gäste mit Darbietungen. Die meisten konnten gut Deutsch sprechen. Schließlich sangen sie, laut Pressenotiz mit Begeisterung das berüchtigte Horst-Wessel-Lied der Nazis!

Freie Liebe! wie in Russland

Nicht das Paddeln im Main und das gelegentliche Anlegen war 1935 im Zeiler Rathaus ein Dorn im Auge, sondern das nächtliche Zelten. Bürgermeister Baptist Geisel beschwerte sich beim Landesverkehrsverband. Die zumeist von auswärts kommenden „Wasserwanderer“, würden oft ihre Zelte am Ufer aufschlagen. In der Bevölkerung werde die „sittliche Seite“ dieses Sportes kritisiert. Junge Leute, beiderlei Geschlechts würden in den Zelten ohne die geringste Kontrolle nächtigen. Man höre ständig Klagen darüber, dass in den Kommunen eine strenge Kontrolle herrsche, bei den Wasserwanderern, die freie Liebe praktiziert werde wie in Russland. Die Bevölkerung verlange eine strenge Aufsicht des Staates

Der Paddelbootverkehr auf unserem Main, war auch noch 1937 ein Thema. Die Heimatzeitung titelte: „Lustig ist das Lagerleben“, dass der ausgewiesene Haßfurter Zeltplatz unterhalb des Mainbades von den Paddlern gerne angenommen werde. Zeitweise sprach man sogar von einem Zelt-Dorf mit sechs Zelten, worin die Paddelbootfahrer nächtigten.

Neben Sportler aus Düsseldorf, legten 1937 auf ihrer Reise durch Deutschland wieder elf Engländer aus Liverpool bei Haßfurt an. Die meisten von ihnen waren bereits im Vorjahr anlässlich der Olympiade in Deutschland.

Pimpfe werden ausgerichtet

Im Juli 1939, nur wenige Wochen vor Ausbruch des 2. Weltkrieges, fand zwischen Mariaburghausen und dem Main ein Zeltlager der Hitlerjugend aus der Region Schweinfurt statt. In 45 weißen Spitzzelten sollten sich rund 600 „Pimpfe“ körperlich erholen, aber auch geistig „ausgerichtet“ werden. Exerzieren, sowie Singen und Baden in der Haßfurter Badeanstalt gehörten auch dazu. In der Mitte des Lagers war ein kleines Stück Feld mit einem Pflug und eine Schwarzpulver-Kanone platziert. Das Motto „Pimpfe, Bauern und Soldaten“ galt für alle Sommerlager im Land. Zur Eröffnung waren zahlreiche prominente Parteigrößen sowie Vertreter des Staates und sogar der Wehrmacht erschienen. Was sie in „kernigen“ Ansprachen hervorhoben, ist nachzulesen: „Aus den jungen Pimpfen sollen keine Muttersöhnchen werden, sondern stolze und lebensfrohe ganze Kerle. Ganz so, wie sie der Führer wünschte: „zäh wie Leder, schnell wie Windhunde und hart wie Kruppstahl“ Nach dem Krieg wurde vor allem in Bamberg das Paddeln in der Regnitz populär. Eine Rudergesellschaft gibt es in der Domstadt schon seit 1884, in Schweinfurt sogar seit 1882.

Früher gab es im Main mehrere Fähren die quer im Fluss lagen. Ihre Seile und Stahlkabel stellten für die Paddler eine Gefahrenquelle dar. An die heutigen Schleusen und Staustufen schippern sie vorbei. 1937 stieß ein Mann aus Frankfurt mit seinem Paddelboot bei Untertheres mit einer Fähre zusammen. Das Boot kippte um und der Mann fiel mit seiner Braut ins Wasser. Wer schuld war, musste juristisch geklärt werden.

Neben dem ausgeschilderten Main-Radweg gibt es seit 2012/13 den Main-Wasser-Wanderweg. Unter dem Motto „Paddeln am Main“ wurde die „Gelbe Welle“ ins Leben gerufen. Auffällige gelbe Hinweisschilder sollen der Orientierung dienen und vergebliche Anlegemanöver ersparen. Das Projekt wird vom Tourismusverband Franken beworben. In unserem Landkreis wurden Anlegeplätze in Eltmann, Zeil, Sand, Knetzgau, Haßfurt-Naturfreundehaus, Haßfurt-Hafen, Wülflingen, Obertheres, Untertheres und Gädheim ausgewiesen. Anekdoten Confiteor Früher mussten Ministranten bis zur Liturgiereform 1970 auswendig eine ganze Reihe von Gebeten lateinisch aufsagen können. Dabei konnte zwei „Minis“ die genaue Kenntnis solcher Gebete sogar vor Kalamitäten bei der Polizei bewahren. 1966 reisten mehrere Zeiler Buben zu einem Zeltlager im Spessart mit Zwischenstopp bei Bergrheinfeld. Es ist üblich und gehört zur Lagerromantik, dass während der Nacht immer Wache „geschoben“ wird. Doch die kann manchmal recht eintönig sein. Man war froh, dass gleich unterhalb des Platzes eine Straße vorbeiführte. Da wollte man doch mal sehen, ob da etwas los ist. Es war schon weit nach Mitternacht, als plötzlich ein Polizeiauto anhielt und die Beamten auf die zwei Buben am Wegesrand zuliefen. Die Gesetzeshüter wollten wissen, was Lausbuben in so später Stunde an einer Straße zu suchen haben. Ihren Beteuerungen, sie hätten Wache bei einem Ministranten-Zeltlager, wollten die Beamten nicht gleich glauben. Doch einer von ihnen war auch einmal Ministrant und so fragte er, ob sie denn das lateinische Schuldbekenntnis aufsagen könnten. So kam es, dass zwei Zeiler Buben etwas verängstigt aber ziemlich sattelfest anfingen: „Confiteor Deo omnipotente...“

Bildtexte

Bild: Lithografische Postkarte So warb eine Postkarte von 1895 für die Stadt Zeil: Bötchen fahren auf dem Stadtsee. Foto: Archiv Ludwig Leisentritt

Bild: Paddeln in der Altach 1960 haben zwei Buben an einem heißen Augusttag Mädchen zum Paddeln in ein Schlauchboot eingeladene. Ein paar Tage gesellten sich zwei andere Buben mit eine Blechbadewanne hinzu. Foto: Archiv Ludwig Leisentritt

Bilder: Paddeln in der Altach (Bachräuber) Die „Bachräuber“ an der Altach, liebten das Schippern auf dem Wasser. Foto: Archiv Ludwig Leisentritt

Bild: Zelten bei Haßfurt Am Ufer des Maines, unweit der Haßfurter Badeanstalt, zelteten in den Nachkriegsjahren gerne junge Leute. Foto: Heiner Schneier

Bild: Paddeln in der Regnitz Das Paddeln hat in Bamberg eine lange Tradition. Viele Zuschauer verfolgten in den 50er Jahren den Freizeitspaß. Foto: Jakob Schneyer

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