Die Spuren der SPD im Raum Haßfurt reichen bis in die Zeit der Sozialistengesetze zurück.
01 Bild: Bericht des Graf von Luxburg Kurz vor der Verabschiedung des Gesetzes gegen die „gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokraten“, sprach 1878 in Haßfurt der Reichstagsabgeordnete und Reg. Präsident von Unterfranken Graf von Luxburg bei einer Wahlversammlung der Liberalen Partei.
Wörtlich sagte er: 02 Bild: Rede von Luxburg
" Ist das Gesetz so beschaffen, dass es wirklich die Ziele der Sozialdemokratie trifft, dass es wirklich dem verderblichen Treiben dieser Sekte Thür und Thor zuriegelt, dass es namentlich der propagandistischen Thätigkeit dieser Leute einmal ein Ende macht, … dann werde ich dem Gesetze gerne zustimmen“.
Das haben die Liberalen und Konservativen dann auch getan.
Zehn Jahre später 1888 haben mit Unterstützung aus Schweinfurt erstmals die Sozialdemokraten und Gewerkschaften auf dem Werkplatz des Steinwerkes Holzmann in Haßfurt Fuß gefasst. 03 Bild: Holzmann Steinwerke
Von diesem Betrieb am hiesigen Bahnhof wurden damals die schwefelhaltigen Steine aus Burgpreppach für den Bau des Reichstagsgebäudes in Berlin zugerichtet und verladen.
Im Herbst 1889 beriefen die Schweinfurter Sozialdemokraten eine Konferenz für die nähere Umgebung nach Haßfurt in den "Hirschen" ein, obwohl solche Zusammenkünfte verboten waren.
04 Bild: Gasthaus Zum Hirschen Das Haßfurter Bezirksamt hatte Wind von diesen kleinen „Sozialistentreffen“ bekommen und verbot die Zusammenkunft.
Spazierengehen konnte aber selbst Bismarck nicht verbieten.
So wurden die politischen und sozialen Themen bei einem Spaziergang nach Sylbach besprochen. Froh gelaunt kehrte man zum „Hirschen“ zurück zum gemütlichen Bei¬sammensein. Just in das Lokal, in welchem nach fast hundert Jahren die Haßfurter SPD des Öfteren Veranstaltungen abhielt. Ohne das geschichtsträchtige Vorkommnis von 1889 zu kennen.
Noch bemerkenswerter ist, dass 1923 ein 17jähriger Jüngling aus Sachsen, namens Herbert Richard Wehner, hier einmal übernachtete, der einmal eine herausragende Rolle in der Deutschen Sozialdemokatie spielen sollte.
Davon später mehr.. 05 Bild: Schreiben von Amtmann Mahler
1890 sandte der Haßfurter Bezirksamtmann Mahler – noch ganz im Zeichen des „Sozialistengesetzes“ - ein Schreiben an die Gemeindebehörden, in welchem er davor warnte, dass Arbeiter am 1. Mai von der Arbeit wegbleiben könnten.
Er gab auch Anweisungen gegen die „Bestrebungen der Sozialdemokratie“ , die die Annahme rechtfertigen, „dass dieselben zum Umsturz der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung geeignet sind.“
Die übereifrige Haßfurter Obrigkeit alarmierte vorsorglich nicht nur die Polizeiorgane, sondern auch die Gemeindediener, die Flur- und Waldhüter sowie die Nachtwächter. 06 Bild: Ortsvereine im Bez. Schweinfurt
1911 taucht erstmals in den nordbayerischen SPD-Geschäftsberichten in Haßfurt eine Sektion mit 12 Mitgliedern auf.
Davon wusste man 1969 in der Haßfurter SPD nichts.
Die Unterlagen habe ich erst in den 80er Jahren im Stadtarchiv Nürnberg ausgegraben
Doch 1913 verschindet die Sektion Haßfurt wieder. Dafür tritt nun eine Sektion in Sylbach mit 18 Mitgliedern in Erscheinung. Wie man sieht, wird die 1907 gegründete SPD-Sektion Zeil unter Ziegelanger aufgeführt. .
Das hat damit zu tun, dass nach den Vereinsbestimmungen jeder Verein ein festes Lokal nachweisen musste, das offensichtlich weder in Haßfurt noch in Zeil zu bekommen war.
Der Geschäftsbericht ist im Stadtarchiv Nürnberg unter dem Titel „Polizeiakten“ archiviert. Seit dem Sozialistengesetz wurden die Aktivitäten der SPD polizeilich überwacht.
Aus den Artikeln des SPD-Organs „Fränkischer Volksfreund“ geht hervor, wie kämpferisch die Sozialdemokraten damals Agitation betrieben haben.
07 Bild: Medaille Arbeiter-Radfahrer-Verein Schweinfurt 1904
Da ist von der „roten Kavallerie“ die Rede, womit die sozialdemokratischen Radfahrer aus Schweinfurt gemeint waren, aus der Stadt, von der aus die Arbeiterbewegung in unserer Heimat aufgebaut worden ist.
07a Bild: Josef Säckler Einer der Pioniere der Schweinfurter Arbeiterbewegung war Josef Säckler. Er war auch 1889 bei der schon erwähnten verbotenen Konferenz im „Hirschen“ dabei.
Er wurde schon 1907 in den Bayerischen Landtag gewählt.
Einmal heißt es fast schon militärisch, dass kleine Kolonnen bis tief in den Steigerwald und bis nach Maroldsweisach „vorgedrungen“ seien, „teilweise von Hunden gehetzt, teils recht gut aufgenommen“.
Als man in Augsfeld Flugblätter verteilte, rief der Ortspfarrer auf der Straße: “Bauern schließt die Türen zu, die roten Lumpen kommen“!
Zu einem Eklat kam es bei der Beerdigung des SPD-Mitgliedes Hirsch in Sylbach bei der sich eine größere Anzahl Mitglieder und Arbeitskollegen eingefunden hatten.
Als eine Kranzdeputation hervortrat, verließ Pfarrer Edelmann von Unterhohenried demonstrativ das Grab.
Und als dann Georg Süßmann mit einem Kranz mit roter Schleife vor das Grab trat um dem Verstorbenen Worte des Dankes zu widmen, fing der Gottesmann laut zu beten an.
Die Hauptgegner waren damals die Liberalen und das Zentrum, später die Bayerische Volkspartei.
Die Haßfurter SPD, wandte wegen den oft massiven Behinderungen beim Flugblattverteilen eine neue Strategie an.
Die Helfer trugen die Zettel fortan wärend des Gottesdienstes in die Häuser. Da befanden sich die Ortsbürger fast ausnahmeslos in der Kirche, wodurch sie Beschimpfungen aus dem Weg gingen.
Die Reichstagswahl 1912 brachte dann für die hiesige SPD den ersten großen Durchbruch.
Möglicherweise war ein Stimmzettel ungültig, denn ein Haßfurter SPD-Wähler hatte ihn mit folgendem Vers versehen:
“Ich soll wählen zwischen Schwarz und Rot, Rot ist das Leben und schwarz grinst der Tod. Ich hasse den Tod und liebe das Leben, Drum will ich meine Stimme den Roten geben“. Generalstabsmäßig nahm sich die SPD vor, durch planmäßige Agitation, „weitere Breschen in den Zentrumsturm zu legen“.
Der wurde als Bollwerk gegen die Gegner der Konservativen dargestellt. 08 Bild: Zentrumsturm Folgerichtig wurden die SPD-Mitgliedbeiträge und Spenden, aber auch Eintrittsgelder bei den Versammlungen als „Sprengpulver“ bezeichnet.
Die von den Konservativen als „vaterlandslosen Gesellen“ diffamierten Angehörigen der Arbeiterbewegung waren dann beim Ausbruch des 1. Weltkrieges 1914 die ersten, die für Volk und Kaiser an die Front geschickt wurden. 08a Bild: Mobilmachung im Haßfurter Tagblatt
„Deutschlands ärmste Söhne – sagte später Friedrich Ebert - sind auch seine treuesten gewesen.
Der Haßfurter Chronist Josef Kehl schreibt rückblickend: "Das seit 1917 schwelende, von der Schweinfurter Arbeiterschaft genährte Revolutionsfeuer flammt jetzt hellauf".
Nach einer Demonstrationsversammlung heißt es 1918 im „Haßfurter Tagblatt“: "Die Stadt steht ganz im Zeichen der jetzigen Regierung.“
„Eine rote Fahne vom Rathause zeigte uns, dass auch die hiesige Bevölkerung sich der Neuordnung der Lage in vollständiger Ruhe angepasst hat.“ 09 Bild: Gründungsurkunde Das ist der Geburtsbrief der Haßfurter SPD Am 12. Oktober 1918 haben in der „Mainaussicht“ 8 Personen einen „sozialdemokratischen Wahlverein“ in Haßfurt gegründet.
Es war eine Wiedergründung der während des 1. Weltkrieges eingegangenen SPD- Sektion
09a Bild: Mainaussicht
Die maßgeblichen Impulse kamen von Georg Süßmann, der schon 1907 bei der Gründung der Zeiler SPD dabei war, bevor er 1914 nach Haßfurt übersiedelte.
Kassier war übrigens ein Josef Leisentritt, auch ein Gewächs aus Zeil.
10 Bild: Georg Süßmann
Süßmann war auch 1917 Mitbegründer des FC Haßfurt.
Es gibt noch ein 1918 ausgestelltes Mitgliedsbuch auf den Namen Georg Baumgärtner. – bitte schaut genau hin – der „Sozialdemokratischen Partei Bayerns“.
11 Bild: Mitgliedsbuch Dies hing natürlich mit dem „Freistaat Bayern“ zusammen.
Übrigens: Auf den Tag genau 60 Jahre nach der Wiedergründung besuchte 1978 – ohne eigentlichen Bezug auf dieses Datum – Willy Brandt das Rathaus in Haßfurt, wo der damalige Bürgermeister Rudi Handwerker den hohen Gast empfing und – wie er später bekannte, einen tiefen Eindruck auf ihn machte..
12 Bild: Willy Brandt in Haßfurt
Er schenkte ihm eine in rotem Kunstleder gebundene Chronik von Josef Kehl, die der Willy jedoch liegen gelassen hatte.
Sein persönlicher Referent von Roosen sagte mir am Telefon, ich soll sie behalten. Später schenkte ich sie dem Rudi Handwerker zu Geburtstag, nachdem ich erfuhr, dass er die längst vergriffene Kehl-Chronik gar nicht besitzt.
12a Bild: Wahlplakate Als Willy Brandt 1972 zur Wahl gestanden hat, klebte die Haßfurter CSU ihre Wahlplakate etwas missverständlich.
CSU – Kaputt, das inspirierte den damaligen Pressefotografen Kudella wohl zu diesem Foto.. Kehren wir wieder zum Ende des 1. Weltkrieges zurück
13 Foto: Kurt Eisner Nur wenige wissen heute, dass es der Sozialdemokrat (MSPD) Kurt Eisner war, der während der Revolution im November 1918 den Freistaat Bayerin ausgerufen hat.
Das hätte man im letzten Jahr dem Markus Söder sagen sollen.
Die Wiedergründung der Haßfurter SPD in der Mainaussicht war also ein Ergebnis des Zusammenbruchs des Wilhelminischen Kaiserreiches.
Die Revolution fegte die Monarchie endgültig in Deutschland und Bayern hinweg.
In den Revolutionstagen soll ein republikanischer Arbeiter im Münchner Hofgarten dem herumirrenden König Ludwig III. fürsorglich geraten haben: „Herr (!) König, goans hoam, es is Revolution!“
14 Briefmarke Freitaat Bayern. Auf den Briefmarken wurde der König überdruckt mit „Freistaat Bayern“.
Dass die Sozialdemokraten nach dem 1. Weltkrieg der Monarchie keine Tränen nachweinten, versteht sich von selbst.
Anstelle der kaiserlichen Farben schwarz-weiß-rot traten nun die republikanischen Farben schwarz-rot-goldgold.
Die Heimatzeitung (Bote vom Haßgau) karrikierte die neuen Farben im Juni 1919 so: Schwarz ist die Zukunft rot ist die Gegenwart gold war die Vergangenheit
Das Feuer der Revolution und des demokratischen Neubeginns trug sicher auch der Haßfurter Matrose und Sozialdemokrat Josef Walter in seine Heimatstadt. 15 Bild: Josef Walter Während des Krieges erhielt Walter für seinen Einsatz auf dem legendären kaiserlichen Piratenschiff „Wolf“ das Eiserne Kreuz. 16 Bild: Piratenschiff Wolf Die „Wolf“ befuhr fast alle Meere und versenkte mit mit Unterstützung eines kleinen Flugzeuges 35 Handelsschiffe, 2 Kriegsschiffe und brachte 467 Gefangene mit nach Kiel. Obwohl Walter eine vom Kaiser erhaltene Schweizer Uhr mit 15 Edelsteinen bei sich trug, stimmte er 1918 in Wilhelmshaven in den Chor der meuternden Matrosen ein. Sie verlangten den Thronverzicht des Kaisers und eine demokratische Umgestaltung des Reiches. Nach seiner Rückkehr nach Haßfurt schloss sich Walter dann konsequenterweise der SPD an. Aus dem einstigen patriotisch-kaiserlichen Matrosen war ein überzeugter Republikaner geworden.
So verwundert es nicht, dass er 1925 als SPD-Stadtrat beantragte, die Stadt möge eine Fahne in den Reichsfarben schwarz-rot-gold anschaffen, was gegen sechs Stimmen auch beschlossen wurde.
17 Bild: Inserat Josef Säckler 1919 sprach der Nationalrat Josef Säckler in Haßfurt.
Die gesamte Stadt- und Landbevölkerung war eingeladen.
Zur Stadtratswahl 1919 hatte die Haßfurter SPD dazu aufgerufen, dafür zu sorgen, „dass nicht wieder reaktionärer-ultramontaner Geist und hurrapatriotistisches alldeutsches Gefasel in die Amtsstuben einzieht.“
Im Zusammenhang mit der Verknappung von Lebensmitteln dohte man den hiesigen Behörden.
Man werde – sollte sich bei der Zuteilung nichts ändern - statt „Frauen künftig Männer in die Amtsstuben schicken, die im Feld gestanden haben und diese Schieber und Gauner beschützen mussten, damit sie ihr schändliches Gewerbe ausüben konnten.“
Auch mit den eigenen Anhängern war man nicht sonderlich zimperlich.
Da wurde nicht höflich und herzlich wie heute üblich, zu Veranstaltungen eingeladen.
In einem Inserat der Haßfurter SPD heißt es 1922 kurz und bündig: „Jedes Parteimitglied hat zu erscheinen!“
18 Bild: Inserat Jedes Parteimitglied hat zu erscheinen
Vereinslokal war 1922 immer noch die „Mainaussicht“.
Ein andermal ergeht von Seiten des Gewerkschaftskartells die befehlsmäßige Aufforderung:
„Arbeiter! Ihr habt zu kommen oder Vertreter zu schicken.“
Es waren schlimme Jahre nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches, was sich vor allem in einer gigantischen Inflation ausdrückte. 1920 gründete man wie schon in Zeil 1907, einen „Arbeitergesangverein „Frohsinn“. Er führte auch Theater auf. Das war ein Stück weit Arbeiterkultur.
19 Bild: Inserat Frohsinn Diese der SPD nahestehenden Arbeiter-Gesangvereine waren von den Prinzipien des Pazifismus geprägt.
Ebenso die in Zeil und Haßfurt ins Leben gerufenen Naturfreunde.
Die Arbeitersänger verstanden sich als die „Feldmusik des Proletariats, und als Bannerträger und Wegbereiter einer neuen Zeit.“
„Mit uns zieht die neue Zeit“, haben sie gesungen.
Die Arbeitersänger wussten aber, dass Gesang zwar die Ohren, nicht aber den Magen füllt, weshalb sie sich auch politisch engagiert haben.
Die Arbeitersänger hatten natürlich auch ihre Kampflieder.
20 Bild: Brüder zur Sonne zur Freiheit Eines – „Brüder zur Sonne zur Freiheit“ - kann man heute noch hören: Da heißt es sehr martialisch:
„Brüder, in eins nun die Hände (von Schwestern ist nicht die Rede!) Brüder, das Sterben verlacht Ewig der Sklaverei ein Ende Heilig die letzte Schlacht.“
Ein schönes Lied, aber es ist aus der Zeit gefallen und für die meisten Menschen antiquiert geworden.
21 Bild: Phipp Rosenthal Der einstige SPD-Mann und Porzellan-Industrielle Philipp Rosenthal empfahl einmal vor dem Hintergrund schlecht besuchter Maikundgebungen das Lied abzuwandeln in:
„Brüder zur Sonne zur Freizeit“.
1921 marschierten die Sozialdemokraten in Haßfurt anlässlich einer Kundgebung zum Schutze der Republik durch die Straßen.
Das Copyreith für die Bezeichnung „DDR = Deutsche demokaratische Republik“ hätten vielleicht die Haßfurter Sozialdemokraten beanspruchen können. Sie führten damals nämlich ein Transparent mit zum Marktplatz mit der Losung: „Hoch lebe die deutsche demokratische Republik“.
In den 70er Jahren weilte der Fraktionsvorsitzende Herbert Wehner, in Mellrichstadt.
22 Bild: Herbert Wehner in MET Nach einem Kasernenbesuch traf man sich fast familiär im kleinen Kreis in der Wohnung des Parteifreundes Wiebusch.
Im Verlauf des Gesprächs erzählte Wehner einiges aus seinem sonst nicht so bekannten Privatleben.
Erstaunt waren Heiner Schneier und ich, als er erzählte, wie er im Juli 1923 im Alter von 17 Jahren mangels Geld zusammen mit dem späteren legendären SPD-Schatzmeister Alfred Nau, auf Schusters Rappen von Thüringen kommend zu einem Jugendkongreß nach Nürnberg tippelte.
22a Bild: Der junge Wehner
Dabei übernachteten beide in Haßfurt im Gasthaus “Zum Hirschen” am "Unteren Turm.
Just in dem Gasthaus in welchen sich 1889 unter dem Sozialistengesetz sich erstmals Sozialdemokraten getroffen haben.
23 Bild: Gasthaus “Zum Hirschen”
Herbert Wehner konnte sich noch sehr gut erinnern, daß über dem Bett ein Bild hing, das Jesus mit einem blutenden Herzen zeigte. 24 Bild: Jesus mit blutentem Herzen
Zum Schluss kramte der alte Haudegen aus seiner verknautschten Aktentasche eine Mundharmonika heraus, auf der er uns einige Liedchen vorspielte. Ich hatte Tränen in den Augen.
Wer diesen großen alten Mann einmal so kennenlernen durfte, wußte, daß unter einer rauen und harten Schale ein weicher Kern verborgen war.
Von seiner rauhen Art kann der Haßfurter Werner Holzinger ein Liedchen singen.
25 Bild: Herbert Wehner und Werner Holzinger
Denn bei der wohl bislang größten Kundgebung mit dem alten Zuchtmeister im Zeiler Göllersaal, - der Werner ist auf der linken Seite zu sehen - hat er das 1976 erfahren müssen.
25a Bild: Greta und Herbert Stieftochter Greta, - hier bei einer Veranstaltung in Ebern -, war ständig um das Wohl von Herbert Wehner besorgt. Sie hielt Tabletten, Tropfen und Pülverchen zusammen mit einer Thermoskanne Tee bereit.
25b Bild: Greta-Briefkarte Die Greta und Herbert Wehner haben mir Tage zuvor auf dieser Karte schon handschriftlich mitgteilt:
„Herbert muss unbedingt im gleichen Gebäude wo die Kundgebung ist, Gelegenheit haben, nach der Rede trockene Wäsche anzuziehen.
Mit 70 Jahren muss man besonders aufpassen.“
Deswegen musste ich auch dafür sorgen, dass die auf dem Podium sitzenden Funktionsträger ihre Jacken ausziehen.
Nach einer Weile, als alle im Hemd dasaßen, wagte es der spätere stellvertretende Landrat Werner Holzinger, "Onkel Herbert" geziemend und respektvoll darauf aufmerksam zu machen, er könne jetzt auch seine Jacke ablegen
Polternd fuhr Herbert Wehner den verdutzten Werner an:
"Bist - du - denn - mein - Kindermädchen?"
Doch er wusste ganz bestimmt, dass hinter dieser gutgemeinden Aufforderung seine fürsorgliche Greta stand, die er später – damit sie versorgt war – heiratete.
Doch kehren wir wieder zu den 20er Jahren zurück.
26 Bild: Miss Ellendt Noch ehe 1923 eine Versammlung der Nazis mit der berühmt-berüchtigten Miß Ellendt – von der SPD „Miß Elend“ genannt, - im Wildbadsaal beginnen konnte, kam es zu schweren Auseinandersetzungen.
27 Bild: Wildbadsaal
Die Mexikanische Witwe und glühende Verehrerin Hitlers war berüchtig für ihre demagogischen Ausfälle gegen die Juden.
Mitten im Tumuld stieg Georg Süßmann mit erhobenen Arm auf einen Stuhl. Vor Gericht beteuerte er später, es wollte ein Zeichen zur Ruhe geben. Die Nazis wollten dies jedoch als ein Signal zum Losschlagen verstanden haben.
In dieser explosiven Atmosphäre ertönte plötzlich ein Pfiff aus einer Trillerpfeife.
Diesen deuteten wiederum die Sozialdemokraten als ein Angriffszeichen der Nazis.
Mit Stühlen und Bänken versuchten die NSDAP- Anhäner ihre Widersacher aus dem Saal zu drängen.
Es waren dann aber die zahlenmäßig überlegenen Sozialdemokraten, die binnen kurzer Zeit die Nazis aus den Saal geworfen haben.
Der Ortsgruppenleiter der Haßfurter NSDAP, Tierarzt Dr. Messenzehl, der sich zum Schutz von Frau Ellendt auf der Bühne befand, konnte mit der Dame durch ein zertrümmertes Fenster in eine Villa auf der Ammonshöhe flüchten. Mehrere SPD-Anhänger wurden wegen Landfriedensbruch zu Haftstrafen verdonnert.
27a Bild: Haßfurter SA Die Männer des Nazi-Strumtrupps blieben ungeschoren. Die Justiz war auch in Haßfurt auf dem rechten Auge blind.
Ein Zeiler Polizist belastete die Zeiler Teilnehmer mit der Aussage, sie seien in „Raufhemden“ nach Haßfurt gekommen, weil sie Hemden ohne Krägen trugen.
Für meinen Vater, der damals mit dabei war, waren solche Hemden gang und gäbe. 27b Bild: Steinhauer der Fa. Holzmann
So, wie sich diese Steinhauer der Firma Holzmann auf diesem Foto präsentieren.
In der oberen Reihe ist mit dem breiten Hut mein Großvater zu sehen, der schon mit 35 Jahren an der sog. Steinlunge verstorben ist.
Stolz verkündete die Haßfurter SPD einmal im Volksfreund, dass sie 600 Mark zur Bekämpfung der „Hakenkreuzbanditen“ gesammelt habe.
Ein andermal nannte man diese Leute „Nationalbolschewisten“.
28 Bild: Fritz Soldmann Der ehemalige Reichstagsabgeordnete Fritz Soldmann aus Schweinfurt bezeichnete Hitler 1932 in einer SPD-Versammlung in Haßfurt als einen „politischen Scharlatan“.
Nach der Machtergriefung schickten ihn die Nazis ins KZ Dachau.
Er überlebte zwar das Dritte Reich, starb aber schon wenige Wochen nach seiner Berfreiung aus dem KZ Buchenwald.
Vor der Reichstagswahl 1932 kam es zu einem weiteren politischen Zusammenstoß zwischen Nationalsozialisten und Sozialdemokraten.
Zwischen Mariaburghausen und der Flutbrücke trafen ein aus Westheim kommender SA-Trupp und eine Abteilung der Eisernen Front aus Haßfurt aufeinander.
Die SPD-Leute hatten mit ihrem Anführer Süßmann an einer Veranstaltung in Wonfurt teilgenommen.
Nach gegenseitigen verbalen Attacken, begann eine regelrechte Rauferei.
Dabei gab es mehrere Verletzte und zertrümmerte Fahrräder. Erst die Polizei konnte die Widersacher trennen.
28a Bild: Fahne der Eisernen Front
Die drei Pfeile der Eisernen Front wurden unterschiedlich interpretiert. Sie standen für die drei Feinde der Demokratie: Die Monarchisten die Nationalsozialisten, und die Kommunisten.
Bei uns im Raum Schweinfurt-Haßfurt interpretierte die SPD die drei Zacken anders. In ihnen sahen die Sozialdemokaten eine Mistgabel, mit der man den braunen Dreck beseitigen kann.
Ein weiteresmal kam es zu einem Überfall zwischen Untertheres und Gädheim. Junge Reichsbannerleute aus Schweinfurt, die sich mit Fahrrädern auf dem Heimweg von einer Veranstaltung in Haßfurt befanden, wurden, wie es im Volksfreund heißt „von SS-Horden“ „auf die viehischte Art und Weise“ verprügelt.
Genau ein Jahr vor der Machtergreifung durch die Nazis zog bei einer Wahlversammlung im Wildbadsaal das komplette Trommler- und Pfeiferkorps des Schweinfurter Reichsbanners mit ihren Fahnen ein.
29 Bild: Reichsbannerfahne Schweinfurt
Dabei war auch diese Fahne der Schweinfurter Eisernen Front, die man 1983 wieder gefunden hat.
Links ist OB Kurt Petzold, rechts Landtagsabgeordneter Werner Hollwich, zu sehen.
Die Fahne wurde dem Fotografen falsch entgegen gehalten. Die drei Zacken müssen nach unten stehen.
Mit Stolz verkündete der alte Kämpe Georg Süßmann :
„Die Männer der Eisernen Front stehen. Da können sich die Widersacher der deutschen Republik die Zähne ausbeißen.“
30 Bild: Michael Baum Tatsächlich hatte man mit dem Stadtrat Michael Baum mit seiner stattlichen Figur und den Kenntnissen die er sich als Frontsoldat des 1. Weltkrieges erworben hatte, eine ideale Führungsperson an der Spitze des Reichsbanners schwarz-rot-gold bzw. der Eisernen Front.
30a Bild: Inserat Eiserne Front Heute wissen wir, wir konnten Hitler und seine Schergen nicht aufhalten.
Am 6. März 1933 wurde am Rathaus und am Bezirksamt die Hakenkreuz¬fahne hochgezogen.
Die Presse meldete, dass die SA am 12. März 15 "politische Verbrecher" aus dem damaligen Kreis Haßfurt ins Amtsgericht Haßfurt schleppte.
Darunter auch die Haßfurter sozialdemokratischen Funktionäre Stadtrat Baum und Tape¬zierer Wirth.
Auch Süßmann wurde etwas später in Schutzhaft genommen.
Kreisleiter Karl tönte nach der Gleichschaltung im Juni:
„Vor 14 Tagen hat noch niemand gedacht, dass die gesamten Parlamente und Rathäuser einmal frei sind von Marxisten. Auch in Haßfurt ist der kleine Schönheitsfehler nun beseitigt.“
Der bereits erwähnte ehemalige Stadtrat Josef Walter schrieb einmal rückblickend an Heiner Schneier:
„Schade dass wir damals mit dem Reichsbanner die Machtergreifung Hitlers im ganzen Lande nicht verhindert haben.
Es hätte gewiss Blut gekostet, aber noch mehr Blut - wie im zweiten Weltkrieg - wäre vermieden worden. Aber hernach ist man schlauer.“
Ein Rückblick auf die Geschichte der hiesigen SPD wäre unvollständig, würde man nicht die Heimatvertriebenen erwähnen.
Vor allem Sudetendeutsche und Schlesier sind der SPD beigetreten und haben hier wichtige Funktionen übernommen.
31 Bild: Alfons Schwanzar Einer davon war Alfons Schwanzar, der nach seiner Vertreibung mit der Integration Ernst machte und eine Haßfurterin heiratete.
Die Wahl des protestantischen SPD-Kommunalpolitikers Schwanzar zum zweiten Bürgermeister von Haßfurt führte 1960 zu einem Skandal.
Die Entscheidung der Ratsmitglieder nahm der katholische Stadtpfarrer Zirkelbach zum Anlass - (ich zitiere) "zur öffentlichen Bekundung unserer Trauer im Jahr 1960 - außer den Fronleichnams- und den Bittprozessionen - keine anderen Prozessionen mehr zu halten."
Auch das Glockengeläute sollte für eine Weile verstummen.
Dieser Vorfall ging – nach einer Veröffentlichung im Spiegel - durch den gesamten deutschen Blätterwald. Auch dieses Foto. 32 Bild: Pfarrer Zirkelbach
Den fünf nicht der SPD zugehörigen Stadträten warf er vor, mit der Wahl Schwanzars der "aufrechten katholischen Bevölkerung einen Schlag ins Gesicht" versetzt zu haben.
Nach einer heftigen Diskussion ließ sich der Geistliche noch im gleichen Jahr nach Bad Kissingen versetzen.
Eine Strafversetzung sieht eigentlich anders aus...
Alfons Schwanzar wurde - nachdem er 12 Jahre als 2. Bürgermeister amtiert hatte - 1972 von der Bevölkerung sogar zum 1. Bürgermeister der Kreisstadt gewählt.
32a Bild: Alfons Schwanzar, Straßenübergabe Hier fungiert er bei einer Straßenübergabe. Links Staatssekretär Albert Meyer, rechts: Staatssekretär Dr. Hans de With und Landtagsabgeordneter Volker von Truchseß.
Dahinter Heiner Schneier mit der Prinz-Heinrich-Mütze.
Als Alfons Schwanzar 1996 starb, fand der Trauergottesdienst für den protestantischen Ex-Bürgermeister in der ehrwürdigen, katholischen "Ritterkapelle" statt. Und sogar Glocken wurden geläutet.
Die Zeit heilt Wunden, und so manche vermeintlichen Probleme von einst sind dann eines Tages keine mehr.
Ich habe diesen Vorfall heute nicht erwähnt, um längst vernarbte Wunden wieder aufzureißen.
Die SPD hat dem Herrn Pfarrer Zirkelbach seinen unsäglichen Ausflug in die Niederungen der Parteipolitk längst verziehen.
Auch Sozialdemokraten können barmherzig sein.
Am 100. Geburtstag wollte ich aber als Chronist daran erinnern, wie sehr sich das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und der SPD zum Positiven gewandelt bzw. normalisiert hat.
Sehr geehrte Gäste, liebe Parteifreunde! Ich habe lange Zeit die politische Geschichte unserer Heimat erforscht und stand über 60 Jahre – teils hauptamtlich, teils ehrenamtlich - im politischen Geschäft.
Die Presse hat mich einmal bei meinem Ausscheiden als Geschäftsführer gefragt, was sich im Rückblick so alles geändert hat.
Dabei ist mir unter vielem anderem ein Aspekt ganz besonders aufgefallen.
33 Bild: Fränkischer Volksfreund Wenn man die alten Zeitungsberichte und Protokolle durchliest, fällt einem auf, dass früher die meisten Reden 2 bis sogar 3 Stunden gedauert haben und die Leute - quer durch alle Parteien - dabei noch mucksmäuschenstill zuhörten.
Ich frage mich: Können die Politiker heute nicht mehr so gut reden, oder könnte es sein, dass wir einfach das Zuhören verlernt haben?
Mir fällt an dieser Stelle der Spruch ein: Man kann über alles reden, nur nicht über 25 Minuten.
Heute würde ein zwei- oder dreistündiges Referat als Freiheitsberaubung oder Körperverletzung gelten.
Deshalb höre ich jetzt auf.
Aber nicht, ohne dem Ortsverein alles Gute für die Zukunft zu wünschen.
Als guten Rat gebe ich Euch eine Weisheit auf den Weg die auch im privaten Leben Geltung hat: „Man muss immer einmal mehr aufstehen, als man niedergeschlagen wird.“ In diesem Sinne: „Glück auf!“ 34 Bild: Gründungsprotokoll von 1918